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Auf der Suche nach dem Mound im Choccolocco Park


Manchmal beginnt eine kleine Geschichte ja damit, dass man eigentlich glaubt, schon am Ziel zu sein.


So war es auch diesmal.

Meine Mama war fest davon überzeugt, dass sie wusste, wo sich der alte indianische Mound hier in der Gegend befindet. Man hatte ihr schließlich gezeigt, welcher Hügel das sein sollte. Also sind wir hingefahren.

Und da stand er vor uns: ein großer, dicht bewaldeter Hügel.

Sehr beeindruckend. Sehr grün. Und durchaus geheimnisvoll.


Nur eines war er nicht: der Mound, den ich gesucht hatte.

Wenn Mama sagt: „Das ist er!

Meine Mama war sich ziemlich sicher.

„Das ist der Mound.

Also habe ich natürlich erst einmal geschaut, fotografiert und mich gefragt, wie man dort eigentlich hinkommt.

Gar nicht.

Das Gelände ist nicht frei zugänglich und man kann auch nicht einfach zu diesem Hügel hinauffahren oder hinlaufen. Vor Ort sieht es außerdem so aus, als hätten dort einmal Arbeiten stattgefunden oder stattfinden sollen.


Warum dort heute nichts weiter passiert und was genau die Geschichte dieses Hügels ist, konnte ich allerdings nicht zuverlässig herausfinden.

Und genau da wurde die Sache für mich interessant.

Denn nur weil jemand etwas erzählt und vielleicht selbst vollkommen davon überzeugt ist, muss es noch lange nicht stimmen.

Also habe ich weitergesucht.

Und siehe da:

Der Mound, den ich suchte, liegt ganz woanders.

Der richtige Mound liegt im Choccolocco Park

Der Choccolocco Park liegt in Oxford, Alabama, ganz in der Nähe von Anniston.


Auf den ersten Blick ist er vor allem ein riesiger Sport- und Freizeitpark. Baseballfelder, Sportanlagen, Spazierwege, ein schöner kleiner See und jede Menge Platz.

Aber mitten in diesem modernen Park steckt eine Geschichte, die viele Tausend Jahre zurückreicht.


Menschen lebten bereits vor fast 12.000 Jahren im Choccolocco Valley. Archäologische Spuren an der Stelle des heutigen Parks reichen ungefähr bis 8.000 v. Chr. zurück.


Etwa 100 v. Chr. begannen die Menschen hier mit dem Bau eines Erdhügels.

Und genau das ist der Ursprung des Mounds, den ich schließlich gefunden habe.

Was ist eigentlich ein Mound?

Ein Mound ist ein künstlich aufgeschütteter Erd- oder Steinhügel indigener Kulturen Nordamerikas.

Solche Anlagen konnten ganz unterschiedliche Funktionen haben. Manche dienten als Begräbnisstätten, andere waren Orte für Zeremonien oder bildeten das Zentrum einer Siedlung.

Der Mound von Choccolocco entwickelte sich über einen sehr langen Zeitraum.

Um etwa 1000 n. Chr. wurde der vorhandene Erdhügel zu einem größeren, pyramidenförmigen Plattform-Mound erweitert.

Das Gebiet war damals keineswegs menschenleer oder „Wildnis, wie man sich die Geschichte Nordamerikas manchmal viel zu vereinfacht vorstellt.

Hier lebten Menschen in Gemeinschaften, betrieben Handel und hatten ihre eigenen gesellschaftlichen und religiösen Strukturen.

Choccolocco Town und die Muscogee

Später befand sich hier Choccolocco Town.

Die Menschen, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert hier lebten, gehörten zu den Vorfahren der heutigen Muscogee (Creek) Nation.

Der Name Choccolocco ist also viel älter als der heutige Park.

In den 1830er-Jahren änderte sich das Leben dieser Menschen dramatisch.

Die Bewohner von Choccolocco Town wurden im Zuge der amerikanischen Vertreibungspolitik gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und westlich des Mississippi zu ziehen.

Diese Vertreibungen gehören zu dem, was heute als Trail of Tears bezeichnet wird.

Wenn man heute friedlich an diesem kleinen See entlangläuft, ist das kaum vorstellbar.

Der Mound, den ich heute sehe, ist rekonstruiert

Und hier kommt ein Detail, das ich besonders wichtig finde.

Der Hügel, den ich fotografiert habe, ist nicht mehr vollständig der ursprüngliche Mound.

Der historische Erdhügel wurde in den 1950er-Jahren von einem damaligen Grundstückseigentümer größtenteils zerstört.

Archäologen untersuchten später die noch vorhandenen Strukturen. Unter anderem nutzten sie Bodenradar und weitere geophysikalische Untersuchungsmethoden, um herauszufinden, wie der ursprüngliche Mound aufgebaut und ausgerichtet gewesen war.

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurde der heute sichtbare Mound rekonstruiert.


Wenn man davor steht, schaut man also auf eine Rekonstruktion.

Aber man steht tatsächlich an einem Ort, an dem Menschen schon vor mehr als 2.000 Jahren begannen, einen Mound zu errichten.

Und das macht für mich einen gewaltigen Unterschied.

Und dann wurde beim Bau des Parks Geschichte plötzlich Gegenwart

Noch etwas passierte, bevor der heutige Choccolocco Park entstand.

Im Jahr 2010 wurden auf dem Gelände menschliche Überreste indigener Bewohner entdeckt.

Die Arbeiten wurden gestoppt.

Die Stadt Oxford nahm Kontakt mit Vertretern der heutigen Muscogee (Creek) Nation auf. Gemeinsam wurde überlegt, wie man respektvoll mit diesem besonderen Ort und seiner Geschichte umgehen kann.

Heute führt deshalb ein Interpretive Trail durch den Park. Informationstafeln erzählen von den Menschen, die hier lange vor der Entstehung der heutigen Städte lebten.

Der Weg führt auch am Mound vorbei.

Und plötzlich ist dieser riesige Sportpark eben nicht mehr einfach nur ein Sportpark.


Ein See, ein Mound und ziemlich viele Gedanken

Wir sind natürlich auch noch am kleinen See entlanggelaufen.

Heute wirkt hier alles ruhig.

Wasser, Bäume, Vögel, Wege und Menschen, die spazieren gehen oder Sport treiben.

Und irgendwo dazwischen steht dieser unscheinbare grasbewachsene Hügel.


Wenn man seine Geschichte nicht kennt, könnte man wahrscheinlich einfach daran vorbeigehen.

Ich hätte das vielleicht auch getan.

Aber jetzt weiß ich, was dahintersteckt.

Und ich weiß auch wieder, warum ich so gerne nachfrage.

Nicht alles glauben. Selber neugierig bleiben.

Meine Mama lag mit ihrem ersten Hügel daneben.

Das darf ich schreiben.

Denn wahrscheinlich hat ihr irgendwann jemand erzählt:

„Das dort ist der Indian Mound.

Und so wird aus einer Erzählung irgendwann eine vermeintliche Tatsache.

Bisjemand noch einmal nachfragt.

Vielleicht ist genau das etwas, was ich von dieser kleinen Suche mitnehme:

Neugierig bleiben. Fragen stellen. Noch einmal hinschauen. Und manchmal auch das hinterfragen, was alle anderen ganz selbstverständlich für richtig halten.

Sonst hätte ich jetzt sechs wunderschöne Fotos von einem bewaldeten Hügel.

Und würde euch erzählen, dass das der historische Mound von Choccolocco ist.

Ist er aber nicht.

Zum Glück habe ich weitergesucht.

Und so habe ich am Ende nicht nur den richtigen Mound gefunden.

Sondern auch eine Geschichte, von der ich vorher überhaupt nichts wusste.

Beatrice 11.09.2026, 06.00

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